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Mittwoch 16 Aug 2017
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« Marseille, République ouverte » – Ein Projekt der französischen Theater-AG

« On a besoin de gens qui créent de la richesse. Il faut nous débarrasser de la moitié des habitants de la ville.

Le cœur de la ville mérite autre chose. »

« Wir brauchen Leute, die Reichtum schaffen. Wir müssen die Hälfte der Einwohner der Stadt loswerden. Das Zentrum der Stadt hat Besseres verdient. »

(Claude Valette, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bürgermeisteramt von Marseille,

zitiert am 18. November 2003 in der Tageszeitung LE FIGARO)


Ausgerechnet im Jahr 2013, in dem Marseille Kulturhauptstadt war, forderten Politiker den Einsatz des Militärs, um die problematischen Stadtviertel unter Kontrolle zu bringen. Dialog mit der Bevölkerung? Langfristige soziale Maßnahmen, um Jugendarbeitslosigkeit und Kriminalität zu bekämpfen? ... Fehlanzeige.

Im Frühjahr 2013 machten sich Schülerinnen und Schüler aus der Unter- und Mittelstufe des Fichte-Gymnasiums im Rahmen der französischen Theater-AG daran, Momentaufnahmen des Lebens in Marseille szenisch darzustellen. Schnell wurde jedoch klar, dass Standbilder und separat angeordnete Szenen der Stadt kein Gesicht geben würden. So entstand im Laufe der Zeit ein Theaterstück mit fortlaufender Handlung und „Typen“, wie sie in Marseille vorkommen. Bis zum Beginn des Schuljahres 2013-2014 hatten wir dann alle Rollen besetzt und am 10. und 11. Oktober 2013 legten wir los. Titel des Stücks: « Marseille, République ouverte ».

In den Hauptrollen junge Journalistinnen aus Deutschland und England, die in der Kulturhauptstadt eine Reportage drehen wollen sowie Söhne von Einwanderern der inzwischen dritten Generation, die den Mädchen zu Hilfe kommen, als sie von religiösen Eiferern und rechtsgerichteten Aktivisten bedrängt werden. Die Journalistinnen begleiten die Jungen zum Arbeitsamt, wo diese eine rundum gelungene Kostprobe ihrer Künste als Cafébedienungen geben, doch auch die von ihnen entzückte Angestellte kann ihnen keine Stelle vermitteln, weil sie aus dem „falschen“ Viertel stammen. Niemand gibt jemandem einen Job, der aus den Quartiers Nord kommt.

Eigentlich blieben die Probleme der Jugendlichen und Marseilles überhaupt ungelöst, wäre da nicht die Begegnung mit einem jüdischen Gelehrten und seinen vier Töchtern. Seit sie denken können, sammeln die Mitglieder dieser Familie Sprach- und Kulturdokumente Marseilles und retten sie vor der Vernichtung und dem Vergessen. Und so erzählen die Mitglieder der Familie von der einst blühenden Republik von Marseille. Im Hoch- und Spätmittelalter war die Stadt geradezu ein Labor der Zivilisation, mit bürgerlicher Selbstbestimmung, sprachlicher Vielfalt und religiöser Toleranz.

Schnell begreifen die Hauptdarsteller, dass in der Rückbesinnung auf diese untergegangene Welt der Schlüssel für die Lösung der Probleme Marseilles liegt. Sie rufen eine soziale Bewegung ins Leben, die für die Stadt neben Französisch das Provenzalische als offizielle Zweitsprache fordert und durch den permanenten Dialog der Religionen dem Extremismus den Boden entziehen soll.

Solche Gedanken sind keine Hirngespinste. Der Journalist Alèssi dell´Umbria hat ein bahnbrechendes Buch zu diesem Thema geschrieben. Sein Titel lautet „Histoire universelle de Marseille“, erschienen 2007 im Verlag Agone. Einige Szenen unseres Stücks sind von dell´Umbrias Werk inspiriert. Wir haben seiner streckenweise bitteren Anklage gegen die Diskriminierung Marseilles - insbesondere durch das Zentrum Paris - dann aber doch ein versöhnliches Ende angefügt. In der Schlussszene wird in einem feierlichen Akt die französische Verfassung um einige Passagen erweitert, die den okzitanischen Regionalismus und den Geist der einstigen Republik von Marseille mit den Errungenschaften der Französischen Revolution verschmelzen lassen.

Einige Elemente der französischen Theater-AG der vergangenen Jahre haben wir weitergeführt, so die Ping-Pong-Dialoge, in denen nie jemand mit Ja oder Nein antwortet, sondern den Ball an den anderen zurückspielt und den Satz erweitert („C´est terrible.“ – „C´est vraiment terrible.“ – C´est de plus en plus terrible.“), eine Liebesgeschichte, die scheinbar getrennte Welten miteinander verbindet, den Willen zur revolutionären Tat, der irgendwann alle Personen erfasst und das aus Deutsch, Englisch, Spanisch und eben Französisch zusammengesetzte Sprachenkarussell, mit dessen Hilfe gewährleistet wird, dass auch Zuschauer, die des Französischen weniger mächtig sind, dem Stück folgen können.

Ralf Rieber

© R. Rieber, Marseille, République ouverte – L´ora es venguda (Marseille, Offene Republik – Die Stunde ist gekommen). Un projet de théâtre du lycée Fichte de Karlsruhe, Octobre 2013

Hinweis : Den vollständigen Artikel zu diesem Theaterstück können Sie in naher Zukunft in unserer Jahreschronik, dem Fichtebrief 2014, nachlesen.